Aphorismen





Vor der Tür.
Manche Gedanken kehren immer wieder.  Aber leider nicht vor der eigenen Tür.




Früchte.
Bei vielen Früchten möchte man nicht den Baum, sondern nur den Kopf schütteln.




Lesetipp.
Wer Aphorismen noch nicht zu schätzen weiß, der sollte zunächst Dissertationen lesen.




Die Erforschung der Welt.
Im Verlauf der Geschichte waren sich denkende Menschen nicht immer einig darüber, ob man am Schlüsselloch der Welt mehr mit dem Auge oder mit dem Ohr erfährt.




Anmerkung zur Bergpredigt.
Reichtum des Geistes – lässt er sich an die Armen im Geiste überhaupt weitergeben? Am wirkungsvollsten wird Geistreichtum auf biologischem Weg, durch Zeugung und Geburt, fortgepflanzt.




Baum der Erkenntnis.
Es gibt nicht nur einen einzigen Baum der Erkenntnis für Alle: Jedem wird ein anderer Baum der Erkenntnis gepflanzt. Und es sind nicht nur jeweils andere Bäume, sondern sogar verschiedene Baumarten. Wer von den Früchten nur eines Baumes der Erkenntnis gegessen hat, weiß noch nicht, wie die Früchte der anderen Bäume schmecken.




Hoffnungslose Liebe.
Wer jemanden ohne Hoffnung liebt, der liebt vor allem sein Lieben.




Vollblut.
Nicht nur hervorragende Pferde – auch die intelligentesten Schriftsteller zeigen immer wieder, wozu Gene fähig sind.




Psychologie der Mathematiker.
Vielleicht sind Mathematiker die am wenigsten berechnenden Menschen – und haben dadurch oft so große Schwierigkeiten, das berechnende Verhalten Anderer zu verstehen
.




Teufelsbeweise.
Während an den Gottesbeweisen schon die größten Denker gescheitert sind, beweist jeder gemeine Lump mit Leichtigkeit die Existenz des Teufels.




Über Autodidakten.
Die Fähigkeit und der Wille, sich selbst und selbständig Wissen anzueignen, ist die grundlegende Voraussetzung für jede überlegene Bildungs- und Denkfähigkeit. Autodidakten liegen nicht öfters falsch als Heterodidakten und nichts ist weniger gerechtfertigt als der weitverbreitete vorurteilsbeladene Hochmut der Fremdbelehrten.




Zur Unpopularität der Intelligenz.
Gute Aphoristiker können als solche so wenig populär werden wie hervorragende Mathematiker, Botaniker oder Geologen.




Wirkungen des Schreibens.
Auch im Zeitalter des Internets werden Buchstäbe zu den beliebtesten Mitteln gehören, um andere damit zu schlagen.




Die Zeit.
Die Zeit vergeht schneller als sie denkt.




Am Anfang.
Am Anfang war das Wort, heißt es. Aber was ist mit den Buchstaben? Waren die nicht schon vorher da? Eine alte und immer noch ungelöste kabbalistische Frage.




Trauer durch Spaß.
Viele Christen wären gewiss sehr betrübt darüber, wenn man jetzt eine neue älteste Handschrift eines der Evangelien finden würde, bei der am Anfang geschrieben stünde: Eine Komödie.




Weltkrieg.
In beiden Weltkriegen hat man es zwar geschafft, Millionen Menschen umzubringen, aber keine einzige Idee. Einige Ideen sind vorübergehend an ihrer weiteren Vermehrung gehindert worden, andere wurden arg dezimiert, aber völlig ausgerottet wurde keine.




Süß und ehrenvoll.
Die Geschichte der Menschheit wäre vernünftiger verlaufen, wenn man nicht die Menschen, sondern die Ideen belehrt hätte, dass es süß und ehrenvoll ist, wenn sie für das Vaterland sterben.




Fundamentalisten.
Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, ist auch dann schmerzhaft und unsinnig, wenn man ein Kopftuch trägt.




Freiheit und Gesellschaft.
Will man in einer Gesellschaft, in der fast alles erlaubt ist, frei bleiben, muss man sich vieles verbieten.




Kopf und Sand.
Wenn man seinen Kopf schon in den Sand steckt , sollte man dafür nicht den hart gewordenen einer Wand auswählen.




Zentren der Welt.
Auch in Hauptstädten dreht sich das Meiste um tiefer gelegene Körperteile.




Unkreativität.
Ständig zu neuen Dummheiten fähig zu sein, wird allzu häufig für Einfallsreichtum gehalten.




Tote Und Lebende.
Mindestens so oft, wie Lebende Toten die Augen schlossen, haben Tote Lebenden die Augen geöffnet.




Tagdeuter.
Was soll man von Traumdeutern halten, die nicht einmal das wache Leben erklären können?




Die höchste Schönheit.
Wenn jemand sagt, dass etwas außergewöhnlich schön sei, dann sollte man ihm vielleicht nur dann glauben, wenn ihm dabei die Tränen kommen.




Der Faden der Welt.
Die Welt ist, wie sie ist; da beißt kein Gott einen Faden ab.




Der Mund des Bürgers.
Es gibt viele, die dem mündigen Bürger gern die Zähne ziehen wollen, um dann zu sagen, nun könne er freier reden.




Abhängigkeit.
Es hat keinen Zweck, es zu verheimlichen: Die Erde ist und bleibt Regenholiker.




Selbstsüchtige Einsamkeit.
Wer denkt schon bei der Frage, was oder wen er auf eine einsame Insel mitnehmen würde, an die Bedürfnisse der armen einsamen Insel?




Zölibatär.
Es gibt Kulturen, in denen hält man ein dauerhaft zölibatäres Leben für eine Art sexuellen Missbrauchs.




Moralisten.
Moralisten versuchen vergeblich, dem Feuer das Rauchen abzugewöhnen.




Schutzumschläge.
Bei vielen Büchern wäre es gut, wenn ihre Schutzumschläge nicht nur schön aussähen, sondern auch vor dem Inhalt schützen würden.




Uhren.
Uhren sind und bleiben die schärfsten Kriticker der Zeit.




Arten von Dummheit.
Man kann strohdumm sein, aber man kann auch frohdumm sein.




Falsche Großzügigkeit.
Großzügig ist nicht, wer bei einem Fehler Anderen ein Auge zudrückt.




Unbekannte Philosophien.
Die meisten Menschen wissen halbwegs, was sie denken, aber nicht im geringsten, welche Philosophie sie haben.




Die eigene Religion.
Menschen, die ihre Religion nicht frei wählen können, sollten sich wenigstens ihren Glauben aussuchen dürfen.




Dekadente Philosophen.
Philosophen sind so verweichlicht, dass sie selbst die Sprache nicht mehr roh essen können.




Der Sport des Charles Peirce.
Der amerikanische Philosoph Charles Peirce widmete sich drei Jahre lang jeden Tag zwei Stunden dem Studium der kantschen Kritik der reinen Vernunft. Das gefällt mir: Denken gleichsam als Sport mit täglichem Training. Aber welche Sportart soll man sich da aussuchen? Im Kosmos des Denkens gibt es Millionen Sportarten, so dass die Gefahr sehr groß ist, nach einiger Zeit zu erkennen, dass man mit anderen Sportarten als den bisher betriebenen wesentlich mehr Spaß gehabt und bessere Ergebnisse erzielt hätte – von neuen Rekorden ganz zu schweigen.




Das Jüngste Gericht.
Für die Verdammten kann mit dem Jüngsten Gericht doch nur ihre Henkersmahlzeit gemeint sein. Wünscht ihnen dazu Gott wenigstens noch „Guten Appetit!“?




Ideenreichtum.
Einige werden, so heißt es, mit einer einzigen neuen Idee Millionär. Gewisser ist, dass viele mit hundert neuen Ideen arm bleiben.




Zivilcourage.
Es ist durchaus ein Fortschritt, wenn Soldaten das Wort Zivilcourage nicht mehr mit einem Ausdruck der Verachtung aussprechen.




Das Gesicht unserer Gesellschaft.
Gewählt zum Gesicht des Jahres: eine Siebzehnjährige mit dem Gesicht einer Zwölfjährigen. Noch einige Jahre und etliche Millionen Alte mehr – und man wird den Teenagern Altäre errichten: um sie sowohl anzubeten als auch zu opfern.




Keine Sekte.
Früher glaubten manche, den Wert des Christentums schon mit dem Nachweis erhöhen zu können, dass es keine jüdische Sekte sei. Heute würden sich viele Christen freuen, wenn sie sicher sein könnten, dass sie auch eine Art Juden sind.




Inflation oder Bereicherung.
Eine Arbeit für Computer: Jedes Substantiv der deutschen Sprache mit allen anderen Hauptwörtern zu einem neuen Begriff zusammenstellen. Auf diese Weise entstünden nicht nur viele neue Wörter, sondern auch neue Welten. Diese könnte man dann lexikalisch zusammenstellen und sich die interessierte Bevölkerung daraus bedienen lassen. Als nächster Schritt dann die Verbindung dieser Zweisubstantivwörter mit wiederum jedem Substantiv zu Dreisubstantivwörtern. Der deutsche Wortschatz, ohnehin einer der größten im Reich der Sprache, würde seinen Vorsprung weiter ausbauen. Aber wie immer, wenn sich eine Gruppe rasant vermehrt, so würden auch hier bei den Konkurrenten Angst und Hass zunehmen.




Vom Gefühl der Krankheit.
Man ist nicht schon dann krank, wenn man nicht weiß, ob man gesund ist. Denn dann wäre jeder krank, womit die Unterscheidung zur Gesundheit ihren Sinn verlieren würde. Niemand weiß wirklich, ob nicht in ihm eine verborgene Krankheit am Werk ist: Man kann sich also nur gesund glauben.




Kobold.
Nicht jeder Kobold ist ein Witzbold. – Lichtenberg wäre sich nicht zu schade gewesen, einen solchen Satz aufzuschreiben. Wie viele wichtige Sätze werden bloß deshalb nicht aufgeschrieben, weil sich ihre Schöpfer zu schade sind, auch unwichtige Einfälle zu notieren? Mit dieser Frage soll aber niemand ermuntert werden, Unwichtiges aufzuschreiben: Eine solche Ermunterung würde bedeuten, Wasser ins Meer zu schütten.




Die frömmsten Geschichten.
Die frömmsten Geschichten habe ich selbst erfunden – behauptet der Teufel. Und fast scheint es, als habe er Recht.




Erzdeutsche.
Gab es eigentlich in den völkischsten deutschen Zeiten Erzdeutsche, die keine Romane schreiben wollen, sondern Germane, keine Lyrik, sondern Lurenien? Es gab sie, aber glücklicherweise hat nicht alles, was ehern ist, lange Bestand.