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Adolph Sutro

Ein deutscher Jude vom Nordrand der Eifel gehört zu den berühmtesten Pionieren des US-Bundesstaats Kalifornien. Der 1830 in Aachen geborene Adolph Sutro war eines von 13 Kindern der Eheleute Emanuel Sutro (1791–1847) und Rosa Warendorff (1803–1883). Sein Vater, in Bruck (Erlangen) geboren, betrieb nach der Heirat mit der gebürtigen Dürenerin in Aachen ein Textilgeschäft. Auch wenn es später manchem so erschien, als sei der Aufstieg Sutros in den USA gleichsam aus dem Nichts erfolgt, so trug der preußische Emigrant doch zumindest ein genealogisches Erbe im Gepäck, das es in sich hatte. Zwei Beispiele aus seiner väterlichen Verwandtschaft: Adolphs hoch gelehrter Onkel Abraham Sutro (1784–1869) war Landesrabbiner in Münster; er gilt als „der letzte hebräische Schriftsteller Westfalens“ (D. Aschoff) und beeinflusste durch seine Schriften und Schüler auch die Entwicklung des amerikanischen Judentums. Der namhafte englische Autor Alfred Sutro (1863–1933) war ein Großneffe von Adolphs Vater. Adolphs Dürener Mutter Rosa Warendorff war Nachfahrin reicher Hoffaktorenfamilien ebenso wie Verwandte bedeutender Rabbiner und Gelehrter. Ihr Vater Bernhard Warendorff stammte aus Celle, war dann aber in die Nordeifel gezogen. Dies hing vermutlich mit seiner zweiten Ehefrau – Adolph Sutros Großmutter – zusammen, die eine Tochter des Bonner Rabbiners Susman Wetzlar war. Über die gemeinsame Warendorff-Abstammung war Adolph Sutro ein Vetter des brillanten Berliner Rechtsprofessors Eduard Gans.

SutroBild

Drei Jahre nach dem Tod Emanuel Sutros entschloss sich Rosa Sutro mit ihren zahlreichen Kindern 1850 zur Auswanderung. Vom neuen Wohnort Baltimore aus machte sich der 20-jährige Adolph über Panama auf die Weiterreise nach San Francisco. Dort jobbte er als Wachmann, ehe er sich als Tabakkaufmann selbständig machte. Knapp zehn Jahre später beflügelte die Erschließung großer Silbervorkommen in Nevada Sutros Unternehmergeist aufs Neue. Er verkaufte seine drei Tabakläden und begab sich in die Erzgräberstadt Virginia City. Schnell erkannte er dort die bergbaulichen Missstände und Möglichkeiten – vor allem hinsichtlich der Entwässerung der Stollen – und setzte sich daraufhin mit unglaublicher Energie für ein ingenieurtechnisches Projekt ein, das seinen Namen berühmt machte: den Bau des legendären Sutro-Tunnels. Nachdem er 1865 in seiner Schrift The advantages and necessity of a deep drain tunnel for the great Comstock ledge mit verblüffender Fachkenntnis die Vorteile eines Entwässerungstunnels aufgezeigt hatte, war es in den Folgejahren seinen Ideen und seinem hartnäckigen Einsatz zu verdanken, dass der Tunnel gebaut, finanziert und schließlich 1878 fertiggestellt werden konnte. Als Sutro bald darauf seine Anteile an der Unternehmung verkaufte, machte er damit ein Vermögen.

Während seiner Aktivitäten im Silberstaat Nevada war Sutro in San Francisco keineswegs untätig geblieben. Früh erkannte er in beinahe visionärer Voraussicht das gewaltige Potenzial Kaliforniens; ihm schwebte vor, Kalifornien zu einem Land zu machen, das der ganzen Menschheit Nutzen bringt. Sutro wurde Immobilienkaufmann größten Stils; am Ende gehörten ihm über zehn Prozent der Fläche San Franciscos. Auf dieser Basis verwirklichte er wegweisende Vorhaben zur Verbesserung der Lebensqualität der Stadt. Die 1896 eröffneten riesigen Sutro-Bäder (Sutro Baths) boten zehntausend Badegästen Platz und galten als größtes Hallenbad der Welt. Als früher Naturschützer ließ er 40.000 Bäume pflanzen und setzte sich für Naturschutzzonen ein. Aufsehen erregende Sutro-Bauprojekte trugen dazu bei, dass man noch heute in San Francisco allenthalben auf seinen Namen stößt (Adolph Sutro Historic District). Bekannter noch als durch seine unternehmerischen Aktivitäten wurde Sutro als Bürgermeister von San Francisco. Obwohl seine Amtszeit von 1894 bis 1896 relativ kurz war, erregte sie besonderes Aufsehen. Viele waren verblüfft, dass der progressive Multimillionär und vielfache Familienvater – früher Befürworter des Frauenwahlrechts – politisch gegen Big Business auftrat und die meisten Anhänger unter der Arbeiterschaft hatte. Sein Bekenntnis, dass ihm ein Millionär nicht wichtiger sei als ein Mann ohne Cent, war glaubwürdig. Auch als erster jüdischer Bürgermeister einer großen amerikanischen Stadt beschritt er gesellschaftliches Neuland.

Sutro liebte das Alleinsein. Er fühlte sich dabei nicht einsam: „Wenn ich allein bin, denke ich über dieses und jenes nach, was mich interessiert. Erholung finde ich hauptsächlich im Nachdenken.“ Seine riesige Privatbücherei umfasste rund 200.000 Schriften, wobei für ihn nicht die Quantität, sondern der kulturelle Wert der Werke im Vordergrund stand. Nach Einschätzung der kalifornischen Staatsbibliothek, die dieses Sutro-Erbe heute bewahrt, handelte es sich um „die feinste Privatbibliothek Amerikas“. Der vielfache Familienvater Adolph Sutro starb 1898. In seiner Geburtsstadt hat sich besonders Dr. H.-V. Johnen, Verfasser einer Sutro-Dissertation, um den Mann verdient gemacht, der zu den größten Söhnen Aachens und San Franciscos gleichermaßen gehört.

Dieser Beitrag erschien erstmalig in der Eifel-Zeitung (Daun) vom 2. September 2015

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