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Albert Lauscher

Obwohl in weiten Teilen des Deutschen Reiches zahlreiche Katholiken lebten, wurde die Deutsche Zentrumspartei von Anfang bis Ende besonders stark von rheinischen Katholiken geprägt. In der Schlussphase dieser Partei, die sich als zentrale politische Kraft des deutschen Katholizismus verstand, zählte der Nordeifler Albert Lauscher zu ihren wichtigsten Führungsfiguren in Preußen.

Albert Lauscher kam 1872 in Roetgen, dem südlich von Aachen gelegenen „Tor zur Eifel“, als Sohn des Volksschullehrers Mathias Hubert Lauscher und dessen Ehefrau Anna Catharina Schröder zur Welt. Nach den Angaben des Historikers Dr. Andreas Burtscheidt, der sich bislang wohl am ausgiebigsten mit der Biographie Lauschers befasste, besuchte der Lehrersohn von 1887 bis 1893 das Aachener Kaiser-Karls-Gymnasium. Über die Gründe des relativ hohen Alters beim Abitur findet man keine Angaben, doch dürfte dies damit zusammenhängen, dass die Dorfkinder der Eifel seinerzeit allgemein erst spät eine höhere Schule besuchten; dieser Bildungsweg stellte ohnehin eine seltene Ausnahme dar.

Vielleicht bedurfte es auch im Fall Lauschers – wie in anderen überlieferten ländlich-katholischen Biographien – erst des ermutigenden Zuspruchs des Dorfpfarrers, ehe der Weg zum „Studierten“ gewagt wurde. Nach dem Abitur begann Lauscher das Studium der Theologie zunächst in Bonn, dann setzte er es in in Köln fort. Als 25-Jähriger wurde er am 10. August 1897 in Köln zum Priester geweiht – übrigens genau an jenem medizinhistorisch denkwürdigen Tag, an dem der deutsche Chemiker Felix Hoffmann das Aspirin erfand. Es folgten drei Jahre als Kaplan in Essen, danach eine vierjährige Kaplanzeit in Köln. Lauscher nutzte diese Kölner Jahre für eine kirchengeschichtliche Dissertation über Erzbischof Bruno II. von Köln (1132–1137). Ab 1904 unterrichtete Dr. Lauscher als Religions- und Oberlehrer an einem Gymnasium in Borbeck (Essen), dann ab 1907 in gleicher Funktion am Königlichen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln. 1917 berief ihn die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Bonn als ordentlichen Professor für Pastoraltheologie und Homiletik. In friedlicheren Zeiten hätte der Roetgener möglicherweise eine eher beschauliche Zeit als Theologieprofessor vor sich gehabt, aber in der Umbruchphase am Ende des Weltkriegs standen die Zeichen nicht auf Beschaulichkeit.

Dies galt gerade auch für einen so stark politisch interessierten Katholiken wie Lauscher es war. 1919 wurde Zentrumsmitglied Lauscher, der sein Hochschulamt nun ruhen ließ, für den Wahlkreis Köln-Aachen sowohl in die verfassunggebende Preußische Landesversammlung als auch in den preußischen Landtag gewählt. Lauschers politisches Wirkungsfeld erweiterte sich 1920, als er auch Abgeordneter des Reichstags wurde, was er vier Jahre lang blieb. Von Anfang an machte Professor Lauscher die Schul- und Bildungspolitik zum Schwerpunkt seiner politischen Arbeit. Zunächst richtete sich sein Einsatz gegen Bestrebungen, den Religionsunterricht an staatlichen Schulen abzuschaffen und überhaupt den kirchlichen Einfluss in der Bildungspolitik zurückzudrängen. Eine der treibenden Kräfte in diesem Sinn war der marxistische Minister und erklärte Kirchenfeind Adolf Hoffmann (SPD, USPD, KPD), der nach dem Novemberumsturz 1918 kurzzeitig preußischer Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung geworden war.

Auch wenn die auf Hoffmann zurückgehenden antiklerikalen Schulbestimmungen sich nicht lange halten konnten, so blieb das Verhältnis Staat-Kirchen im Schulwesen noch über Jahre hinaus ein umkämpftes Thema. Erst mit dem sogenannten Preußenkonkordat vom Juni 1929 zwischen dem Freistaat Preußen und dem Heiligen Stuhl wurde größere Rechtssicherheit geschaffen. Am Zustandekommen dieses völkerrechtlichen Vertrages hatte Lauscher, der kulturpolitische Experte der preußischen Zentrumsfraktion, nicht unbedeutenden Anteil. 1932, am Ende der Weimarer Republik, rückte Lauscher als Partei- und Fraktionsvorsitzender des Zentrums in Preußen an die Spitze seiner Partei im wichtigsten Land des Reichs. Trotz dieser Machtposition war er – wie viele andere demokratische Politiker – in dieser Notphase der Weimarer Demokratie eher Getriebener als Gestalter.

Angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnisse und den äußerst instabil gewordenen politischen Verhältnissen mit ihrem Erstarken demokratiefeindlicher Parteien (NSDAP, KPD) konnte auch Lauscher nicht verhindern, dass Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde. Möglicherweise glaubte er, wie Vizekanzler Franz von Papen, Hitler politisch „zähmen“ zu können. Spätestens nach dem Ermächtigungsgesetz vom März 1933, dem das Zentrum zustimmte, erwies sich dies jedoch als Illusion. Das von Lauscher begrüßte Reichskonkordat vom Juli 1933 stabilisierte den NS-Staat zusätzlich. Für den Priesterpolitiker bedeutete die Etablierung der NS-Diktatur das Ende seiner politischen Tätigkeit. Zurückgezogen von der Öffentlichkeit starb Professor Lauscher am 23. Mai 1944 in Bonn – exakt an dem Tag und Ort, wo fünf Jahre später mit der Verkündung des Grundgesetzes eine neue politische Epoche begann.

Dieser Beitrag erschien erstmalig in der Eifel-Zeitung (Daun) vom 8. Juli 2015.

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